Nach meinem letzten Beitrag wurde mir klar: Es reicht nicht, nur zu kritisieren. Wir müssen die Dinge beim Namen nennen. Wir beobachten seit Jahren einen Trend, der unsere Bildungslandschaft – und ganz besonders unsere Fahrschulen – schleichend unterwandert.
Die Anekdote vom „verlernten Lernen“
Ein befreundeter Gymnasiallehrer, nennen wir ihn Wolfgang, erzählte mir neulich von seinen drei Söhnen. Seine Geschichte ist symptomatisch: Während der Älteste an der Uni kämpft, scheitert der Mittlere bereits an der simplen Nutzung einer Suchmaschine – er glaubt, Google sei ein Orakel und Wissen falle vom Himmel. Der Jüngste in der Oberstufe hat „gelernt“, mit dem Tablet zu wischen, aber die einfachste Tastatur-Bedienung löst bei ihm Panik aus.
Das ist keine Digitalisierung. Das ist eine systematische Abgewöhnung von echtem, kognitivem Arbeiten. Wer nur wischt, lernt nicht. Wer Texte kopiert, ohne sie zu durchdringen, behält nichts. Handschriftliches Notieren, das Vorformulieren im Kopf, das Ringen um Grammatik – das sind Prozesse, die den Lerneffekt erzeugen. Was wir heute in Schulen und Fahrschulen sehen, ist oft pures Gift für die echte Bildung: Die „Leichtigkeit“ der digitalen Oberfläche ersetzt die Anstrengung des Begreifens.
Die Bankrotterklärung der Fachverlage
Dass dieses Phänomen auch vor der Fahrschulausbildung nicht haltmacht, ist bekannt. Doch was ich aktuell auf den Seiten der Fachverlage lesen muss, setzt dem Ganzen die Krone auf. Es ist die Bankrotterklärung einer Branche, die über ein Jahrzehnt tief und fest geschlafen hat – oder vielmehr schlafen wollte, weil die Einnahmen der „Lern-App“ zu verlockend waren.
Wer heute mit Slogans wie „Verstehen statt Auswendiglernen“ wirbt, liefert das Eigentor des Jahres. Es ist ein offenes Eingeständnis: „Liebe Fahrlehrer, das, was wir euch die letzten zehn Jahre für viel Geld als ‚Lernkonzept‘ verkauft haben, war in Wahrheit bloßes Auswendiglernen.“ Sie geben hiermit schwarz auf weiß zu, dass ihr bisheriges Geschäftsmodell den Schüler nicht zum Verkehrsteilnehmer gemacht hat, sondern zum Prüfungstouristen.
Doch schauen wir nicht nur auf das, was zwischen den Zeilen steht. Lassen wir die Marketing-Abteilungen der Fachverlage einmal selbst zu Wort kommen – und legen wir das, was sie uns als ‚Innovation‘ verkaufen, unter das pädagogische Brennglas. Wenn man die Werbeversprechen und die angepriesenen Features dieser ‚KI-Lernhilfe‘ einmal bis ins kleinste Detail zerlegt, offenbart sich ein Bild, das mehr über die Hilflosigkeit der Verlage aussagt, als ihnen lieb sein kann.
Nehmen wir das Auseinandernehmen dieser Versprechen mal als Übung – denn genau das, was der Verlag hier anbietet, entlarvt die Entwertung unseres Berufsstandes in Echtzeit.
Wenn Pädagogik zur Werbefloskel verkommt
Die Absurdität geht weiter. Der Verlag wirbt damit, dass Schüler keine „Angst vor dummen Fragen“ mehr haben müssten, da die App ja alles erklärt. Ich frage mich: Wer beim Verlag hat das eigentlich geschrieben?
Wenn ein Fahrschüler Angst hat, mir eine „dumme“ Frage zu stellen, habe ich als Fahrlehrer versagt. Der Unterrichtsraum muss ein Ort sein, an dem klar ist: „Ihr seid Schüler, keine Profis. Es gibt keine dummen Fragen, nur Wissenslücken, die wir gemeinsam schließen.“ Das ist mein Job. Das ist der Job jedes Fahrlehrers, der seine Arbeit ernst nimmt. Wer hier eine App vorschiebt, um den menschlichen Dialog zu ersetzen, degradiert den Fahrlehrer zum bloßen Verkäufer eines digitalen Produkts und entzieht ihm die pädagogische Grundlage.
Auch das Versprechen der „Chancengleichheit“ durch 16 Sprachen ist eine Mogelpackung. Sprachbarrieren löst man durch geduldige Kommunikation, nicht durch eine KI, die in 16 Sprachen das gleiche (möglicherweise oberflächliche) Wissen abspult.
Faktencheck:
Widmen wir uns der Werbung und deren Versprechen
Die Werbeversprechen der Fachverlage lesen sich wie eine „Heilsversprechung“ für die Branche. Doch wenn man die Versprechen einmal einzeln unter die Lupe nimmt, offenbart sich die Ernüchterung. Die Fragen und Antworten des Verlags dazu könnt ihr hier selbst noch einmal nachlesen: Die Fragen und Antworten
Versprechen 1: Spürbare Entlastung bei wiederkehrenden Fragen
„So haben Sie mehr Zeit für das, was wirklich zählt – Ihre praktische Ausbildung.“
Meine Meinung: Die praktische Ausbildung ist ein untrennbarer Teil der gesamten Ausbildung. Von „Entlastung“ zu sprechen, ist eine Illusion. Jeder Fahrschüler ist individuell – Fragen zu Verkehrsregeln oder Abläufen wiederholen sich zwangsläufig, weil sie Teil des Lernprozesses sind. Soll ich als Fahrlehrer in Zukunft etwa sagen: „Schau in die KI-App, die erklärt dir das schon“? Das ist keine Entlastung, das ist die Aufgabe pädagogischer Verantwortung.
Versprechen 2: Schneller durch das Fragentraining
„Je besser die Inhalte verinnerlicht werden, desto flüssiger meistern Ihre Schülerinnen das Fragentraining.“*
Meine Meinung: Inhalte verinnerlichen nützt wenig, wenn die notwendigen Zusammenhänge nicht verstanden werden. Was bringt es, wenn ein Schüler auswendig lernt, dass ein Pkw mit ABS im Notfall lenkbar bleibt, aber das physikalische Prinzip beim Bremsen nicht im Ansatz begriffen hat? Beim Lernen geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um Tiefe.
Versprechen 3: Mehr Chancengleichheit ohne Sprachbarriere
„Besseres Verständnis bei Schülerinnen durch Erklärungen in der eigenen Muttersprache – auch wenn Sie als Fahrlehrerin diese selbst nicht sprechen.“
Meine Meinung: Die Lern-App als „Allheilmittel“? Die Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) sprechen eine andere Sprache: Die Durchfallquoten in der Theorieprüfung sind von 28,4 % (2004) auf satte 41,3 % (2024) angestiegen. Von „Chancengleichheit“ keine Spur.
Zudem ist die Übersetzungspraxis oft mangelhaft. Hocharabisch hilft beispielsweise wenig, wenn Fahrschüler aus Syrien oder dem Irak aufgrund ihrer Bildungsbiografie komplexe, verschachtelte Grammatikstrukturen in den Prüfungsfragen kaum erfassen können. Bei anderen Sprachen wie Dari oder Paschtu (Afghanistan) ist das Angebot schlichtweg lückenhaft. Eine Übersetzung, die Rätsel aufgibt, statt sie zu lösen, ist keine Hilfe – sie ist ein Hindernis.
Versprechen 4: Schüler*innen haben keine Angst vor „dummen“ Fragen
„Ideal für introvertierte Schülerinnen, die sich im Unterricht nicht trauen, vermeintlich ‚dumme‘ Fragen zu stellen.“*
Meine Meinung: Um das klarzustellen: Fahrschüler sind keine Profis. Jede Frage ist berechtigt, und genau das muss ich als Fahrlehrer vermitteln. Eine KI-App, deren Nachfrage-Funktion pro Frage künstlich auf drei Nachfragen begrenzt ist, kann niemals den persönlichen Dialog ersetzen. Ein Fahrlehrer ist dazu da, zu erklären und zu wiederholen, bis es der Letzte verstanden hat. Das ist unser Beruf – kein Algorithmus kann diese Empathie und Geduld ersetzen.
Versprechen 5: Fahrschule mit KI – Mega fürs Image
„Sie positionieren sich als eine moderne Fahrschule, welche zeitgemäße Medien anbietet und Ihren Schülerinnen selbstständigeres Lernen ermöglicht.“*
Meine Meinung: Eine moderne Fahrschule definiert sich doch nicht darüber, wie viele Apps sie verkauft! Warum haben wir Dinge, die über Jahrzehnte hervorragend funktioniert haben, zugunsten einer Digitalisierung aufgegeben, die nachweislich schlechtere Ergebnisse liefert?
Ich bin kein Technikfeind, aber Technik muss einen Sinn ergeben und die Qualität steigern – nicht senken. In Kombination mit dem „Online-Unterricht“, der aktuell als Lösung aller Probleme gepriesen wird, sehe ich schwarz: Wir werden die 50%-Marke bei den Durchfallquoten in der Theorie schneller knacken, als uns lieb ist. Und was das „selbstständigere Lernen“ angeht: Das hat nichts mit einer App-Erinnerung zu tun – dazu müsste der Schüler das Lernen ja erst einmal wollen und einschalten.
Die Krönung der Banalisierung: Ein Blick in den „Fahrschüler-Flyer“
Wer immer noch glaubt, dass es hier um Bildung geht, sollte einen Blick auf den offiziellen Werbeflyer werfen, der in vielen Fahrschulen ausliegt. Wenn man diesen „Fahrschüler-Flyer“ bis ins kleinste Detail zerlegt, wird das Ausmaß der pädagogischen Bankrotterklärung erst richtig deutlich.
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Das „Gefahren-Reaktionsspiel“: Wenn Verkehrssicherheit zum Zock-Level wirdDer Verlag wirbt mit dem Slogan „Smart spielen – besser fahren“ und preist ein Gefahren-Reaktionsspiel an, bei dem man „alle Level durchspielen“ soll.
Die Realität: Hier wird eine hochkomplexe, lebenswichtige Aufgabe im öffentlichen Raum zur bloßen Unterhaltung degradiert.
Das Problem: Ein „Level“ kann man wiederholen, einen Fehler im Straßenverkehr leider oft nicht. Das suggeriert eine spielerische Leichtigkeit, die mit der knallharten Realität und der Verantwortung eines Kraftfahrers absolut nichts zu tun hat.
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Hoffentlich war es nicht die KI des Verlags, die diesen Text erstellt hat ...
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Die Illusion der Kompetenz: Warum „Theoretische Praxis“ gefährlich ist
„Für die Praxis üben? Geht schon in der Theorie!“ – So bewirbt die Branche ihr neuestes Workbook. Es klingt so schön einfach, so modern, so effizient.
Aber halten wir kurz inne.
Wer ernsthaft behauptet, man könne die Praxis in der Theorie lernen, der sollte vielleicht noch einmal in Ruhe darüber nachdenken, was „Praxis“ eigentlich bedeutet. Wissen ist nicht Können. Wer theoretisch weiß, dass er beim Abbiegen den Blinker setzen muss, hat noch lange keine Routine. In dem Moment, in dem die Konzentration auf dem Verkehrsgeschehen, der Beobachtung, der Fahrzeugbedienung und der Entscheidung unter Stress liegt, verpufft dieses theoretische „Ich weiß es doch“ – es ist schlicht noch nicht „angekommen“.
Ich versuche gerade, mir theoretisch vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn ich mit zu hoher Geschwindigkeit abbiege. Oder wie ich reagiere, wenn ich plötzlich einem Hindernis ausweichen muss. In der Theorie habe ich Zeit, darüber nachzudenken. In der Realität, auf der Straße, ist diese Zeit nicht da. Da muss ich abwägen: Ist das Ausweichen gefährlicher als der Aufprall? Ist die Entscheidung „Lenkrad rumreißen“ bei 50 km/h in dieser Situation eine Rettung oder eine Katastrophe?
Diese Entscheidungen werden in Millisekunden getroffen – durch eine körperliche, instinktive Routine, die man nicht durch das Ansehen von Videos oder das Anhören von Audio-Trainings im Sessel auf dem Sofa erlernt.
Die Branche verkauft uns die Illusion, dass wir das Handwerk „abkürzen“ können. Dass wir den mühsamen, schweißtreibenden Weg der tatsächlichen Fahrpraxis durch eine „Premium“-Abkürzung ersetzen können. Aber während wir theoretisch „üben“, wie man abbiegt, verlieren wir in der Realität das Wichtigste: Die Fähigkeit, die Situation zu fühlen, statt sie nur zu wissen.
Hauptsache schnell. Hauptsache theoretisch. Aber sicher ist das nicht.
„Alles drin!“ – oder alles nur Simulation?
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Schaut man sich das Werbebild an, könnte man meinen, man kauft ein Rundum-sorglos-Paket für den Führerschein. „Das Führerschein-Premiumset“ wird da angepriesen. Mit dabei: Eine „mehrfach ausgezeichnete“ App.
Mehrfach ausgezeichnet?
Von wem eigentlich? Läuft das wie bei den großen Supermarktketten, wo man sich das Siegel „Bester Händler zwischen Elbe und der Straße von Hormus“ einfach kauft, weil man (angeblich) das frischeste Obst im Regal hat? Eine Auszeichnung ist nur so viel wert wie die Jury, die sie vergibt – und in unserer digitalen Blasen-Welt vergeben sich solche Awards oft gegenseitig.
Das „Begleitbuch“ – ein Relikt oder ein Marketing-Gag?
Dann ist da das „Begleitbuch“. Ein Buch ist für mich immer noch eine gedruckte Ausgabe, die man in die Hand nimmt. Wenn es nur digital vorliegt, ist es ein PDF – aber „PDF-Paket“ klingt im Marketing eben weniger nach „Premium“. Gibt es das demnächst auch als Hörbuch für den schnellen Konsum nebenbei?
Das Spiel mit der Realität
Am spannendsten finde ich die Versprechungen zur „Praxis-Vorbereitung“. Da stellt sich mir die Frage: Was ist eigentlich mit dem Gefahren-Reaktionsspiel? Ist das eine „Open World“? Kann ich das als Online-Version zocken und gegen meine Freunde antreten?
Und wenn ich die Aufgaben richtig löse – bekomme ich dann Zusatz-Items? Vielleicht breitere Reifen, einen Tieferlegungssatz für das virtuelle Auto oder ein Chiptuning für mehr PS? Das würde wenigstens zum spielerischen Ansatz passen, den man hier als „Ausbildung“ verkauft.
Wir driften ab. Das alles, so wird uns suggeriert, wird passgenau auf die Bedürfnisse der ‚Generation Z‘ zugeschnitten. Genauso gut hätten sie direkt schreiben können: "Hört mal, ihr seid ziemlich doof, also machen wir das Ganze im TikTok-Format, das nicht allzu viel Konzentration erfordert".
Da warten wir dann bald auf Fragen wie:
Prüfungsfrage 1: Wo steigt man ins Auto ein?
a) auf der rechten Seite
b) auf der linken Seite
c) hinten
d) gar nicht, denn ich fahre mit dem Bus.
Die Auflösung? Alle Antworten sind richtig.
Wer rechts einsteigt, kann Fahrer oder Beifahrer sein; dasselbe gilt für den, der links einsteigt. Wer hinten einsteigt, ist in der Regel Passagier, und wer Bus fährt, steigt gar nicht ins Auto ein.
Das Problem ist hier nicht der Schüler, sondern die mangelnde Präzision der Frage – ein Symptom, das sich durch viele heutige Prüfungsfragen zieht. Wer diese Fragen nur noch mechanisch durchklickt, verlernt, sie inhaltlich zu verstehen. Wenn ich einen Fahrschüler frage, wo er einsteigen muss, antwortet er völlig korrekt: ‚Vorne links‘. Es sei denn, ich wäre Fahrlehrer in Australien – aber da müsste ich dann auch Englisch sprechen. ;-)
Während wir uns also in einer digitalen Welt aus ‚Premium-Sets‘ und ‚geführten Lernwegen‘ verlieren, vergessen wir das Wesentliche: Autofahren ist kein Spiel, kein Highscore-Jagen und kein virtuelles Sammelsurium. Es ist Handwerk. Aber das lässt sich wohl schwerer als ‚Premiumset‘ verkaufen als ein paar bunte Grafiken auf dem Smartphone.“
Das Fazit: Wer braucht hier wirklich Hilfe?
Der Verlag outet sich gerade selbst. Die neue KI-Lernhilfe ist kein pädagogischer Meilenstein, sondern ein spätes und verzweifeltes Eingeständnis, dass man die letzten zehn Jahre verpasst hat, echte Qualität zu liefern.
Liebe Kollegen, lasst uns nicht länger als Statisten in einer Werbekampagne fungieren, die uns überflüssig machen will. Wer die Technik braucht, um einen Schüler zu „verstehen“, hat den Anschluss an den Menschen längst verloren. Es ist Zeit, dass wir uns wieder auf unser Handwerk besinnen – auf die Pädagogik, das Gespräch und das echte Verständnis. Alles andere ist nur ein schlechtes Geschäft.
Pikantes Detail am Rande:
Der Verlag bittet uns freundlich, diese Materialien doch bitte ausschließlich für ‚Fahrschul-Werbung‘ zu nutzen. Dass diese Dateien aber für jeden, der das Internet bedienen kann, frei zugänglich sind – ganz ohne Passwort oder Verifizierung als Kunde – sagt eigentlich alles über die Ernsthaftigkeit dieser Bitte aus. Man will die Verbreitung. Man will die Werbebotschaft. Dass ich diese Bilder nun nutze, um die pädagogische Leere hinter der Hochglanz-Fassade zu entlarven, ist wohl das Risiko, das man für diese ‚Effizienz‘ in Kauf nehmen muss.
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