Als die Fahrschulverlage zwischen 2010 und 2012 die ersten Lern-Apps für die Theorieprüfung in die Fahrschulen brachten, galt dies als „modern“. Man hatte die digitale Welt für sich entdeckt, und das Versprechen war groß: Alles sollte besser, schneller und effizienter werden.
Eine Werbung aus dem Jahr 2014 versprach seinerzeit unglaubliche Hilfestellungen. Doch schauen Sie sich das Video bitte genau an – achten Sie dabei auch auf die Kleinigkeiten; das ist für das Verständnis der heutigen Situation entscheidend!
˙pɹıʍ uǝsöl ddɐ ǝuıǝʞ ɥɔnɐ sɐp ɯǝlqoɹd sǝsǝıp ʇʞɐxǝ ɹǝqɐ uǝqɐɥ ɹǝlüɥɔsɹɥɐɟ ɹǝp lıǝʇßoɹƃ ɯǝuıǝ ˙ʇɥǝʇsɹǝʌ ɥɔnɐ uɥı uɐɯ sɐp 'ɥɔsıʇɐɯoʇnɐ ʇɥɔıu ʇßıǝɥ uǝɥǝs nz ʇxǝʇ uǝuıǝ *
So, wie Sie diesen Absatz gerade lesen mussten – umständlich, fremd, trotz bekannter Sprache –, so ergeht es vielen Fahrschülern in der heutigen Theorieausbildung. Sie sehen die Informationen vor sich, verstehen sie aber nicht, weil der Kontext fehlt.
Die Idee, dem Fahrschüler beim Lernen zu helfen, ist – wie die Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes belegen – ins Gegenteil umgeschlagen.
Anstatt den Fahrschülern das Lernen beizubringen, wurde ihnen ein Werkzeug in die Hand gegeben, das lediglich die Bequemlichkeit fördert.
Man hat völlig vergessen, den Schülern zu vermitteln, wie man sich Wissen erarbeitet!
Die Bequemlichkeits-Falle
Das bloße Anklicken auf dem Bildschirm ist bequem und wenig anstrengend. Es führt jedoch nicht zum Ziel – nämlich dem tatsächlichen Verständnis des Verkehrsrechts. Die Werbeversprechen der Fachverlage haben einen massiven Fehler: Es wurde nie evaluiert, wie sich die Prüfungsergebnisse durch diese digitalen Produkte entwickeln.
Als Entwickler müsste man in Grund und Boden versinken, wenn ein Produkt, das eigentlich helfen sollte, exakt das Gegenteil bewirkt. Wer sich nicht die Mühe macht, die veränderten Lerngewohnheiten Jugendlicher zu analysieren, hat kein Lernmittel geschaffen, sondern einen „Goldesel“. Ob Absicht dahintersteckt, sei dahingestellt – doch methodisch, didaktisch und pädagogisch zeugt das aktuelle Vorgehen von einer erschreckenden Gedankenlosigkeit.
Besonders perfide wird es, wenn der Verlag dieses Vorgehen sogar als Vorzug verkauft:
„Fahrschule mit KI? Das ist ein Booster für Ihr Image. Teilen Sie das Video mithilfe der Vogel System App und positionieren Sie sich als moderne Fahrschule, die genau das anbietet, was die Gen Z braucht“.
Originaltext!
Wenn man eine junge Generation derart auf Bequemlichkeit reduziert und dies als pädagogischen Fortschritt tarnt, kann ich diese Art von Werbung nur als zutiefst unseriös und übel empfinden.
Und weil die Technik nicht stillsteht, folgt auf dieses Marketing-Versprechen nun das allerneueste Video...
Das neue „KI-Versprechen“: Der pädagogische Offenbarungseid
Weil der Markt stagniert, kommt nun das neueste Werbeversprechen: Die KI-App. Dass diese „Innovation“ notwendig wird, ist das eigentliche Eingeständnis. Die Werbung für diese KI-Unterstützung ist ein unfreiwilliges, aber deutliches Schuldeingeständnis der Verlage: Sie geben damit zu, dass ihre bisherigen Lerninhalte didaktisch so mangelhaft sind, dass der Schüler sie ohne eine „KI-Übersetzung“ gar nicht mehr verstehen kann.
Dass diese ‚Innovation‘ notwendig wird, ist das eigentliche Eingeständnis. Die Werbung für diese KI-Unterstützung ist ein unfreiwilliges, aber deutliches Schuldeingeständnis der Verlage: Sie geben damit zu, dass ihre bisherigen Lerninhalte didaktisch so mangelhaft sind, dass der Schüler sie ohne eine ‚KI-Übersetzung‘ gar nicht mehr verstehen kann.
Ist es den Verlagen erst jetzt, nach ganzen 12 Jahren, aufgefallen, dass Prüfungsfragen unklar formuliert, Abbildungen schwierig zu erkennen und Videos eher verwirrend als hilfreich waren?
Und nun soll eine KI das Problem korrigieren, das man sich mit dem digitalen ‚Lernen‘ erst selbst geschaffen hat? Eine App, bei der man nachfragen kann, klingt auf den ersten Blick toll. Doch warum wird der Zugang auf nur drei Fragen begrenzt? Was ist mit den Fahrschülern, die nicht sofort wissen, wie sie fragen müssen, um eine brauchbare Antwort zu erhalten?
Da ist mir jeder menschliche Fahrlehrer lieber. Ein Fahrlehrer nimmt sich die Zeit, die Dinge so zu erklären, dass sie auch der letzte Schüler versteht. Das ist der große Vorteil des Menschen: Er kann sich individuell auf jeden Fahrschüler einstellen. Eine KI hingegen macht nach drei Fragen einfach dicht.
Dass die App nun auch ‚leichte Sprache‘ als Feature verkauft, ist beinahe grenzwertig. Als Fahrlehrer erkläre ich Sachverhalte so, dass sie für jeden verständlich sind – ohne pädagogische Schubladen. Das ist der fundamentale Unterschied zwischen echter Ausbildung durch einen Fahrlehrer und der algorithmischen Krücke einer App
Das ist keine Modernisierung. Das ist der Besiegelung des Untergangs der pädagogischen Fahrausbildung. Am Ende wird es dann so aussehen ...
Schlusswort: Zurück zum Fundament
Es ist an der Zeit, dass wir als Gesellschaft – und besonders als Eltern – unseren Kindern wieder beibringen, wie man eigentlich lernt. Dass rein digitales Lernen an seine Grenzen stößt, haben uns nicht zuletzt die Schulschließungen während der Coronazeit schmerzlich vor Augen geführt: Ein Bildschirm ersetzt keinen pädagogischen Prozess.
An die Fahrschüler:
Geht das Lernen des Stoffes richtig an. Lest erst das Buch, besprecht unklare Fragen mit eurem Fahrlehrer und nutzt die App erst im letzten Schritt zur Vertiefung – aber nicht umgekehrt und schon gar nicht als einzige Quelle. Ihr wollt eine Fahrerlaubnis erwerben, kein „Durchklick-Diplom“.
An die Kollegen:
Eure Fahrschüler brauchen euch! Ihr seid diejenigen, die lehren sollen – das kann keine App, und das sollte auch keine App wollen. Die theoretische Prüfung ist eine reine Lernsache und muss kein Stolperstein sein. Zeigt den Schülern, wie man es richtig macht, anstatt sie mit digitalen „Lern-Krücken“ allein zu lassen. Wer eine Tendenz zur Bequemlichkeit oder Faulheit zeigt, braucht keine App, die das kaschiert, sondern jemanden, der steuert.
Ich erinnere mich an ein Mittel, das ich bereits vor 25 Jahren anwandte: Wer sich nicht vorbereitete, erhielt schlicht keine weiteren Fahrstunden. Das löste bei Eltern, die den Lernerfolg ihrer Kinder im Blick hatten, oft sogar Beifall aus, wenn sich die Sprösslinge über den erzwungenen Stopp beschwerten. Es war kein bloßer erzieherischer Drill, sondern eine Frage der Haltung: Wer den Führerschein wirklich will, zeigt Eigeninitiative. Damals haben etwa 50 % der Fahrschüler den Führerschein sogar ganz oder teilweise selbst bezahlt und den Rest von den Eltern zugesteuert bekommen – das finanzielle Eigeninteresse und der Wille waren der Motor des Erfolgs.
Was in der Politik – wo man auf Landesebene nicht einmal weiß, wer in welcher Arbeitsgruppe welche Weichen stellt – ohnehin ignoriert wird, wird in der Fahrschule nun zum Geschäftsmodell: Man verkauft den Schülern das Versprechen auf den Führerschein, während man ihnen gleichzeitig die Fähigkeit nimmt, ihn sich durch echtes Verständnis zu verdienen.
Ein kleiner Denkanstoß
Wer sich fragt, warum diese digitalen „Hilfsmittel“ langfristig eher schaden als nutzen, dem sei zur Auffrischung der Videobeitrag von Prof. Dr. Manfred Spitzer zur digitalen Bildung wärmstens empfohlen. Er führt uns deutlich vor Augen, was wir bei der aktuellen Begeisterung für Lern-Apps gerne ausblenden: Das Gehirn lernt durch Anstrengung und Auseinandersetzung, nicht durch bequemes „Wischen und Klicken“. Wenn wir die kognitive Anstrengung aus der Ausbildung entfernen, entfernen wir gleichzeitig den Lernerfolg.
* Übersetzung:
Einen Text zu sehen heißt nicht automatisch, das man ihn auch versteht. Einem Großteil der Fahrschüler haben aber exakt dieses Problem das auch keine App lösen wird.
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