1. Die Mogelpackung „Mindeststunden“
Genau wie in Deutschland durch § 1 FahrlAusbO vorgegeben, ist auch in Österreich das Bestehen der Prüfung das Maß der Dinge.
Die Falle: 12 Stunden werden beworben, aber kaum ein Fahrschüler ist nach 12 Stunden prüfungsreif.
Der Effekt: Der „Lockvogelpreis“ verpufft. Der Fahrschüler landet am Ende bei der gleichen (oder einer höheren) Summe, hat sich aber aufgrund des niedrigen Einstiegsangebots für diese Fahrschule entschieden.
2. Das Paradoxon der „Zuschläge“
Wer damit wirbt, keine Tages- oder Wochenendzuschläge zu nehmen, hat diese Kosten bereits in den Grundpreis der Fahrstunde eingepreist.
Das bedeutet: Auch der Fahrschüler, der nur am Dienstagvormittag fährt, subventioniert die teuren Randzeiten der anderen mit.
Resultat: Das Preisniveau ist insgesamt künstlich hoch angesetzt, um die "Mischkalkulation" ohne Zuschläge zu halten.
Erfahrungsberichte von Wiener Fahrschülerinnen:
"Kennt die Maße des Autos!"
„Ich habe die praktische Führerschein-Prüfung damals viermal machen dürfen. Das war eine schreckliche Zeit. Ich war immer so nervös und konnte mich nicht gescheit aufs Fahren konzentrieren. Außerdem war das Auto, mit dem ich Fahren geübt habe, um einiges kleiner als das, mit dem ich die Prüfungen gefahren bin. Jetzt bin ich bei meinem ersten Antritt etwas zu weit nach rechts gefahren, sodass ich fast in die parkenden Autos gefahren wäre und meine Fahrlehrerin eingreifen musste. Beim zweiten Mal bin ich dann zu weit nach vorne gefahren und die Front des Autos ragte schon über die Straßenbahngleise. Natürlich kam eine Straßenbahn und meine Fahrlehrerin musste wieder eingreifen. Das dritte Mal war nicht viel anders. Ich bin zu weit nach links gefahren und meine Lehrerin musste schon wieder eingreifen. Danach haben wir dann auf einem Parkplatz Übungen gemacht, damit ich die Maße des Autos besser einschätzen konnte. Dabei musste ich durch enge Tore fahren und knapp vor bestimmten Gegenständen stehenbleiben. Das war oft erschreckend, hat mir aber wahnsinnig geholfen! Beim vierten Antritt habe ich dann endlich bestanden und war einfach nur überglücklich!“
Lena
Faktencheck: Ausbildungsmangel oder System Abzocke?
Der Fall von Lena wirft ein bezeichnendes Licht auf die Praxis hinter den Kulissen. Wenn eine Fahrschülerin in der ersten Prüfung durchfällt, weil sie „zu weit rechts fährt“, muss man die fachliche Ausbildung hinterfragen.
Meine Analyse als ehemaliger Fahrlehrer: Dass ein Fahrschüler die Spur nicht halten kann, ist kein „Prüfungspech“, sondern ein eklatanter Ausbildungsmangel. Es gehört zu den absoluten Grundlagen, dem Schüler beizubringen, die Spiegel zur Spurkontrolle zu nutzen. Dass Lena danach scheinbar ohne gezielte Korrektur dieses Fehlers in weitere Stunden geschickt wurde, erhärtet den Verdacht: Hier geht es nicht um pädagogischen Erfolg, sondern um pure Abzocke.
Die Kostenfalle im Detail: In Österreich wird die Prüfung zur teuren Hürde. Rechnet man die Gebühren für das Fahrzeug und den Prüfer (ca. 120,– €) sowie die obligatorischen Fahrstunden zur Nachschulung (mind. 3 Std. à 70,– €) zusammen, landet man allein für die Wiederholung bei knapp 700,– €.
Die bittere Endabrechnung: Basierend auf den verlinkten Preisbeispielen ergibt sich folgendes Bild für den „billigen“ Führerschein:
Fahrschulkosten: 2.395,– € bis 2.709,– €
Zusatzbelastung L17: Hinzu kommen die Kosten für 3.000 km Privatfahrt. Rechnet man hier Treibstoff und den Fahrzeugverschleiß ein (Basis ADAC: ca. 0,30 € bis 0,50 € pro km je nach Fahrzeug), entstehen versteckte Kosten von weiteren 900,– € bis 1.500,– €.
Fazit: Zählt man alles zusammen, ist der Führerschein in diesem Modell deutlich teurer als derzeit in Deutschland. Minister Schnieders Vorbild aus Österreich entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als finanzielle Sackgasse für Familien und als Goldgrube für Geschäftemacher.
Ein weiteres Beispiel liefert die Wiener Fahrschülerin Natalia:
Erinnert euren Fahrlehrer oder eure Fahrlehrerin immer, dass ihr Prüfung habt!
„Ich hab meinen Führerschein in der Fahrschule gemacht, also ohne L-Taferl. Vor meiner ersten Fahrprüfung hatte ich meine letzte Fahrstunde, da war grad ne Autobahnfahrt und da ist meiner Fahrlehrerin aufgefallen, dass ich ja Prüfung hab am Montag.
Es war der Freitag davor. Ihr ist dann aufgefallen, dass das ja eigentlich unsere letzte Fahrstunde vor der Prüfung ist und sie mir noch nicht alles gezeigt hat, was ich für die Prüfung können muss. Es war aber schon Abend und die Fahrschule hatte nicht mehr offen. Jetzt konnte ich meine Prüfung nicht mehr absagen. Also musst ich am Montag auf gut Glück antreten, mit dem Wissen, dass ichs zu 90% nicht schaffen werde – habs natürlich auch nicht geschafft. Die Moral aus der Geschichte: Man sollte seinen Fahrlehrer immer daran erinnern, dass man bald Prüfung hat.“
Natalia
Fallbeispiel Natalia: Wenn Organisation und Ethik versagen
Der Bericht von Natalia lässt mich als langjährigen Fahrlehrer fassungslos zurück. Hier zeigt sich ein strukturelles Versagen, das in einer seriösen Ausbildung keinen Platz haben darf.
Meine Analyse als Fachmann:
Fehlende Prüfungsvorbereitung: Ein Fahrlehrer muss den Überblick über alle Prüftermine seiner Schüler haben. Normalerweise wird kurz vor dem Termin eine Prüfungssimulation durchgeführt, die strenger ist als die eigentliche Prüfung. Wer diese besteht, geht mit echtem Selbstvertrauen in die Fahrprüfung. Natalia scheint dieses Sicherheitsnetz völlig gefehlt zu haben.
Das „Offene Messer“: Einen Fahrschüler zur Prüfung antreten zu lassen, wenn man als Fahrlehrer weiß (oder durch Desorganisation nicht bemerkt), dass die Reife fehlt, ist ein absolutes Unding. Das ist ein grober Verstoß gegen die pädagogische Sorgfaltspflicht.
Ehrlichkeit statt Ego: Fehler passieren – auch Fahrlehrern. Aber die Größe zu besitzen, den Prüfer anzurufen, ein Organisationsversehen einzugestehen und die Prüfung rechtzeitig abzusagen, wäre der einzig glaubwürdige Weg gewesen. Eine Schülerin stattdessen wissentlich „auflaufen“ zu lassen, ist menschlich und professionell inakzeptabel.
Der Verdacht der Systematik: Solche Vorfälle häufen sich dort, wo Fahrschulen wie Fließbandbetriebe geführt werden. Wenn der Fahrlehrer nur noch „Stunden abreißt“ und den persönlichen Bezug zum Ausbildungsstand verliert, wird die Fahrprüfung zum Glücksspiel – auf Kosten der Schüler.
Als nächsten kommt Alissa zu Wort.
„Ich bin damals, ein paar Wochen nachdem ich die Führerscheinprüfung bestanden habe, meinen Opa besuchen gefahren. Ich musste über die Autobahn und war sehr nervös. Beim Hinfahren war alles ok. Beim Zurückfahren habe ich auf dem Beschleunigungsstreifen ein Polizeiauto hinter mit gesehen und bin extrem nervös geworden. Ich hatte Angst, dass ich irgendetwas falsch mache oder, dass ich zu schnell fahre. Ich habe dann aus lauter Panik kurz nach dem Spurwechsel in den zweiten Gang geschalten. Das ganze Auto hat gewackelt und gestottert. Auf der Autobahn im zweiten Gang… Das Polizeiauto hat mich dann ganz schnell überholt und zu mir rüber geschaut. Das war ziemlich peinlich, aber wenigstens haben sie mich nicht aufgehalten.“
Alissa
Fallbeispiel Alissa:
Alissas Erlebnis auf der Autobahn ist ein Albtraum-Szenario: Ohne triftigen Grund während der Fahrt in den 2. Gang herunterschalten. Das ist kein bloßer Anfall von Nervosität, sondern ein Zeichen für eine tiefgreifende Fehlkonditionierung.
Meine Analyse als Fachmann:
Mangelnde Routine: Wer auf der Autobahn so massiv falsch reagiert, hat während der Ausbildung nicht genug Zeit in diesem Umfeld verbracht. Autobahnfahrt ist mehr als „stumpfes Geradeausfahren“. Es geht um das Beherrschen von Ein- und Ausfahrten, die jede ihre eigenen Tücken haben. Das muss intensiv und professionell geschult werden.
Die pädagogische Gretchenfrage: Wo genau hat es gehakt? War die Fahrschulausbildung zu oberflächlich, oder lag es an den vorgeschriebenen 3.000 km mit einem Laienausbilder der nicht so recht wußte was er alles vermitteln muß?
Das Problem der Laienausbildung: Ein privater Begleiter (Eltern, Verwandte) ist kein Pädagoge. Er weiß oft selbst nicht, worauf es bei der Vermittlung komplexer Abläufe ankommt. Wenn ein Schüler 3.000 km lang falsche Automatismen lernt oder wichtige Situationen gar nicht erst professionell reflektiert werden, ist das Ergebnis eine gefährliche Scheinsicherheit.
Fazit: Alissas Fall beweist: Kilometeranzahl ersetzt keine Qualität. Minister Schnieders Fokus auf den 1.000-km-Nachweis durch Laien schiebt die Verantwortung für die Verkehrssicherheit auf die Eltern ab, die damit oft schlicht überfordert sind. Das Ergebnis sehen wir hier: Ein bestandener Führerschein, aber eine Schülerin, die auf der Autobahn zur Gefahr für sich und andere wird.
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